Tuesday, 27 January 2015

Es fällt einem manches Mal schwer, los zu lassen. Ich habe damit ziemliche Probleme und habe deshalb eine kleine Kurzgeschichte darüber geschrieben.
Susi Penelope liebte Ringelstrümpfe, Brause Bonbons, ihre Sammlung von Papierbeschwerer aus Glas, handgeschnitzte Sanduhren und jahrhundertalte Kneifer und Monocle, die an Ketten an der Wand baumelten. Sie wohnte in einem kleinen, schiefen Häuschen mitten im Wald, zusammen mit Stups, einen Kanarienvogel und Socke, einer Siamkatze mit hellen blauen Augen. In ihrem Garten blühten Teerosen, Stockrosen, Pfingstrosen und Vergiß-mein-Nicht, in der Kräuterecke dufteten Thymian, Minze und Basilikum. In Susi Penelopes Häuschen standen die Fenster immer offen, so konnte sie die Rosen riechen. Tagsüber flossen die Sonnenstrahlen wie flüssiges Gold ins Zimmer hinein, nachts berührte der Mondschein zart die schlafende Gestalt im Bett. Im Wohnzimmer über einen Ohrensessel und neben den Sekretär hing ein farbenfroher Abreißkalender. Jedes einzelne Blatt war mit einem Bild bemalt. Mal war es ein Strauß Blumen, mal eine Sturm gepeitschte Landschaft, mal ein Stillleben mit Obst, mal eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Schoß. Die Motive und die Farbzusammenstellung wiederholten sich nie. Es war ein Geschenk ihres besten Freundes, der jedes Jahr einen neuen Kalender in liebevoller Handarbeit für sie gestaltete, und es ihr per Post zukommen ließ. Er wohnte nämlich ziemlich weit weg. Er hatte ein riesiges Haus, ja schon eher einen Palast, mit sehr sehr vielen Zimmern. Eines Tages würde sie umziehen und auch in dem Palast wohnen. Jede Nacht, wenn Susi Penelope tief eingewickelt in ihrer wollenen Decke schlief, huschte ein Windhauch ins Zimmer hinein, pustete mehrmals und blies sanft am Abreißkalender bis sich das oberste Blatt löste. Getragen vom Wind wehte das Kalenderblatt aus dem Fenster hinaus, in die dunkle Nacht hinein, es wirbelte in der Luft, drehte sich im Kreis, flog immer höher, bis es sich in der Ferne verlor. Wenn Susi Penelope morgens aufstand, ging sie als erstes zum Ohrensessel und schaute sich lange das neue Kalenderblatt an. Dann fütterte sie die Tiere und ging in den Garten hinaus, um Unkraut zu jäten und um die Rosen von Läusen zu befreien. Eigentlich verliefen ihre Tage – oder zumindest die meisten ihrer Tage – friedlich. Der Garten und die Tiere brauchten täglich Aufmerksamkeit und Pflege. Ab und zu ging sie in die Stadt oder zu ihrer Nachbarin hinüber auf einen Kaffee. Manchesmal kamen liebe Freunde und Familie zu Besuch. Und auch das Häuschen mußte manches mal enstaubt und aufgeräumt werden. Aber an manchen Tagen, wenn sie sich das neue Kalenderblatt anschaute, bekam sie ein Kribbeln in den Beinen und ein Ziehen im Herz. Das Ziehen breitete sich dann im ganzen Brustkorb aus und kroch den Hals hinauf, sodass ihr das Schlucken schwerfiel und das Atmen weh tat. Nicht jedes Kalenderblatt war zart, luftig und bunt. Es gab auch dunkle Blätter, gefüllt mit Indigo Blau und Umbra Braun. Blätter, auf denen der Regen und Hagel niederprasselte. Blätter, die mit wilden Linien und Kreise gefüllt waren, aus denen sie nicht schlau wurde. Bilder, die bedrohlich wirkten und ihr Angst einflößten. Und wenn dann Stups und Socke auch noch anfingen, nach ihrem Essen und ihre Streicheleinheiten zu rufen, und der Briefkasten von Rechnungen nur so überquoll, wurde es zu ihr viel. Susi Penelope lief dann zur Besenkammer, riss die Tür auf und holte ihren Käscher heraus. Das feinmaschige Netz war an einem Bambusstab befestigt. Dann drehte sie sich nach den Tieren um. "Ich gehe" sagte sie. "Ich mag das Blatt heute nicht. Und das von gestern und vorgestern auch nicht. Es ist nicht bunt. Es ist nicht leicht. Es ist düster und macht mir Angst. Das Blatt vom 17. Mai 2016 war viel schöner. Da schien die Sonne, und ich hatte netten Besuch. Das Blatt hole ich mir zurück." Wild entschlossen stampfte sie die Tür hinaus, den Käscher in der Hand, die Augen in die Ferne gerichtet. Sie konnte gerade noch ein Zipfel von einem Kalenderblatt entdecken. Schnell schloß sie die Tür hinter sich und lief dann den Weg entlang, dem Blatt hinterher und versuchte jedes mal, wenn sie dachte nah genug dran zu sein, mit dem Netz das Kalenderblatt einzufangen. Aber der Wind heulte und pustete das Blatt höher. Stundenlang, tagelang lief sie dem Blatt hinterher, immer wieder mit dem Käscher ausholend. Sie lief durch Wiesen, über Berge und Hügel, stieß sich ab und zu den großen Zeh an einem Stein wund und bekam Blasen an den Füßen. Manchesmal konnte sie in der Ferne noch weitere Kalenderblätter von früheren Tagen entdecken, alle vom Wind fortgetragen, der die Blätter Richtung Meer pustete. Nachts setzte sie sich müde auf die Erde, mit dem Rücken gegen einen Baumstamm, schaute sich lange die Sterne an und schlief dann irgendwann ein, zusammengerollt mit den Armen um die Knien als Schutz gegen die Kälte. Die ersten Sonnenstrahlen weckten sie dann frühmorgens. Sie nahm sich keine Zeit zum Frühstücken sondern blickte in die Ferne, wo sie tanzende Blätter sah, hebte ihren Käscher auf und rannte wieder den Blättern hinterher. Und rannte. Und rannte. Als sie ihren Arm nicht mehr heben konnte und ihre Beine vor Müdigkeit zitterten, blieb sie stehen, schaute den Blättern nach, die sich nur noch in der Ferne erahnen ließen, weinte bitterlich und drehte sich dann um, um den langen, mühsamen Weg nach Hause langsam zurück zu laufen. Inzwischen regnete es auch noch, sie wurde bis auf die Haut nass. Neue, unbekannte Kalenderblätter flogen an ihr vorbei, das waren die Tage, die seit ihrem Fortgehen aus ihrem Häuschen verstrichen waren. Manchesmal kaschte sie eins mit ihrem Netz und sah, dass zuhause die Sonne inzwischen wieder schien. Müde und ausgebrannt öffnete sie ihr Gartentor und sah, dass ihr Garten in ihrer Abwesenheit gelitten hatte. Das Unkraut wucherte und nahm den Rosen Nahrung und Platz. Und die Läuse hatten sich inzwischen auch munter weiter fortgeplanzt und saugten ihren Blumen das Leben aus. Manche Rosenstöcke waren schon tot. In ihrem Häuschen war es staubig, es roch muffig und abgestanden und in der Küche schimmelten ein Paar Essensresten auf dem Tisch vor sich her. Ihre Nachbarin erschien im Rahmen des Türeingangs. "Ich habe solange auf Stups und Socke aufgepasst und gefüttert" meinte sie. "Du warst ziemlich lange weg. Schade, du hast nämlich ganz viele Freunde und Familienmitglieder verpasst, die vorbeigekommen waren. Ich soll dir liebe Grüße ausrichten". Suzi Penelope setzte sich erschöpft in ihrem Ohrensessel, nachdem sie sich das Kalenderblatt für den heutigen Tag angesehen hatte. Eine Wiese mit wolligen weißen Schafen und ein Schäfer, der auf einem Stab gelehnt seine Herde bewachte ..... Die Nachbarin setzte sich ihr gegenüber. "Mein schöner Garten und meine schönen Rosenstöcke" meinte Suzi. "voller Unkraut, verlaust, vertrocknet, ausgestorben". "Kindchen" sagte die Nachbarin "Du warst so beschäftigt, deinem Gestern hinterher zu rennen, dass du dein Heute verpasst hast". An diesem Tag ging Suzi Penelope früh ins Bett, nachdem sie erstmal ausgiebig gebadet und gegessen hatte. Im Traum erschien ihr ihr bester Freund. Sie saßen zusammen auf einer Gartenbank, lachten, tranken Kaffee und aßen Kuchen. Er holte ein Photo aus einem Aktenkoffer heraus und hielt es ihr hin. Das Photo zeigte ein großes, helles Atelier. Auf einen Schreibtisch lagen viele Farb-Tuben, Pinsel in unterschielichen Größen und lose Blätter; manche waren noch weiss, manche waren schon bemalt. "Schau, Suzi Penelope" sagte ihr bester Freund "hier, an diesem Tisch, male ich jedes einzelne Kalenderblatt. Für jeden Tag eines Jahres ein neues Bild. Und dann binde ich alle 365 Blätter zusammen und schicke Dir dann per Post den Kalender zu. Und siehst Du die Wände von meinem Atelier? Die Regale mit den vielen Ordnern? Siehst du die Beschriftung auf den Rücken der Ordner?" Ihr Freund hielt Suzi das Photo dicht unter die Nase und zeigte mit seinem Zeigefinger auf eine Reihe von Ordnern, die alle Regenbogenfarben aufwiesen. "Auf jeden Ordner steht Dein Name. Suzi Penelope. In Schönschrift. Und eine Jahrzahl, angefangen mit Deiner Geburt. Wusstest Du nicht, dass alle Blätter von mir stammen und vom Winde getragen, zu mir zurückkommen, damit ich sie sorgfältig einheften kann? Kein Blatt geht verloren. Jeder Tag ist bei mir aufgehoben. Die schönen, wie die schwierigen. Aber es gibt jeden Tag nur einmal. Du kannst keinen Tag hinterherlaufen. Du wirst ein vergangenen Tag nie mehr einfangen können, auch wenn du dein Käscher noch so sehr schwingst und so schnell läufst, wie du kannst. Eines Tages, wenn Du für immer bei mir wohnen wirst, werden wir zusammen alle Ordner durchgehen und ich werde Dir jedes Bild erklären. Bis dahin, lass uns den Tag geniessen und jetzt diesen leckeren Kuchen aufessen", sagte er, und biss herzhaft in sein Stück Käsesahne-Torte hinein. Als Suzi Penelope am nächsten Morgen wach wurde, ging sie zur Besenkammer, nahm den Käscher heraus, öffnete die Vordertür, lief den schmalen Pfad der ums Haus herum ging entlang, öffnete den Deckel einer großen Mülltonne und wierf den Käscher mit einem Schwung hinein. Zufrieden sah sie in den Himmel. Die Sonne schien und die Luft roch nach Thymian. Stups und Socke machten sich bemerkbar. "Ich komme und gebe euch zu Fressen" rief sie mit heller Stimme. Susi Penelope, das bin ich, das bist du. Wie oft misfällt uns unser heutiger Tag, mit seinen Anforderungen, Herausforderungen, Schwierigkeiten und Schmerzen. Wir trauern um vergangene Zeiten. Vergangene Zeiten die viel schöner waren – oder - wegen einer Rosabrille – schöner schienen. Da grübelt man so vor sich hin: "Früher, als ich noch ein Kind war, da brauchte ich nicht die ganze Verantwortung für mein Leben zu tragen, ich konnte spielen und brauchte kein Geld zu verdienen. Früher, als ich noch verheiratet war, da konnten wir zusammen lachen, jetzt bin ich einsam und alleine. Früher war mein Mann viel aufmerksamer, heute denkt er nur noch an seine Arbeit. Früher, als ich noch die andere Arbeitsstelle hatte, da waren die Kollegen netter. Früher, als ich jünger war, da war ich so hübsch und schlank, jetzt bin ich faltig und fett. Früher, als die Kinder kleiner waren, da war es irgendwie einfacher, das mit der Erziehung. Früher war ich gesund, jetzt bin ich krank und habe Schmerzen". Früher... früher .... früher .... Und wenn wir nicht gerade dabei sind, die schönen Tagen von früher zu vermissen, dann sind es die hässlichen Tagen von früher, die uns in den Griff haben. "Als ich verletzt wurde. Als mein Mann mich angeschrien hat. Als meine Eltern mich nicht verstanden und überholte Anforderungen an mich stellten. Als meine Eltern sich nicht um mich kümmerten, als ich ihnen egal war. Als meine beste Freudín mit meinem Mann eine Affäre hatte. Als meine Arbeitskollegin mich gedemütigt hat". Als, als, als, ....... Oder wir trauern verpatzte Gelegenheiten nach. "Hätte ich doch nur damals meinen Mund gehalten. Hätte ich doch nur damals eine andere Entscheidung getroffen, dann wäre ich jetzt viel glücklicher. Hätte ich doch nur damals den Michael geheiratet und nicht den Thomas. Hätte ich doch nur damals auf meinen Eltern gehört, dann wäre mir viel Leid erspart. Hätte ich doch damals Kunst anstelle BWL studiert, ich wäre heute viel glücklicher". Hätte, hätte, hätte, .... Es gibt aber auch Ereignisse und Schmerzen, die eine tiefe Narbe hinterlassen, die ein Leben lang bleiben, die man nicht wegreden kann, nicht beiseite fegen kann, nicht schönreden kann, nicht ignorieren kann. Der Tod eines Kindes. Der Tod eines geliebten Menschens. Übergriffe von Familienmitglieder. Prügel, Beschimpfungen von Menschen, die uns am Nächsten stehen. Vergewaltigung. Nötigung. Die Liste ist unendlich ... Suzi Penelope trauert Zeiten hinterher, die sie nicht mehr zurückholen, noch ändern, noch einmal durchleben kann. Die Vergangenheit ist unwiederbringlich vorbei. Da hilft kein Hinterherlaufen mehr. Das Hinterherlaufen macht müde, man kann sich noch mehr verletzen. Und außerdem ... wenn man sich in Gedanken zu oft in der Vergangenheit aufhält, hat man sein Heute nicht mehr vor Augen. Durchlebt man nicht bewust sein Heute, verpasst man nicht nur die schönen Sachen, sondern die unbewältigten Probleme und Anforderungen häufen sich zu einem riesigen Berg, der nur mühselig zu Beseitigen ist. Dann sieht auch mein Morgen ganz schön düster aus. Ich kann nur aus vergangene Zeiten etwas lernen. Etwas weiser werden. Dieses Mal mich für das Richtige entscheiden. Nicht immer wieder die gleichen Fehler machen. Vergeben, statt Anzuklagen. Mich jeden Tag entscheiden, mein Heute dankbar anzunehmen. Auf die guten Sachen in meinem Leben schauen, anstatt immer nur die Mängel anstarren. Als Christ weiss ich außerdem, dass mein ganzes Gestern, Heute und Morgen bei Jesus aufgehoben ist. Mein Gestern mit den weniger schönen Tagen, als ich mich nicht sehr ruhmreich verhielt, ist mit seinem Blut bedeckt. Mein Gestern mit seinen Tränen und Trauer wird durch seine Liebe geheilt und er wird jede Träne abwischen. Mein Gestern mit seinen Fehlentscheidungen wird durch seine Barmherzigkeit zu etwas Positivem verwandelt. Bei Ihm gibt es immer wieder eine Chance, aus dem Krummen etwas Gerades zu machen. Er sorgt für mein Heute, dass es angefüllt ist mit allem was ich für mein Wohlergehen brauche. Er schenkt mir Weisheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Er gibt mir Frieden, wenn draußen der Sturm mal wieder heult. Und Er sorgt für mein Morgen, dass ich die Kraft haben werde, es mit seiner Hilfe zu bewältigen, die Möglichkeit habe, zu wachsen. Das, letztendlich, alles gut werden wird. Und das Allerschönste: auch meine tiefsten Narben und Schmerzen sind Ihm bekannt. Ich kann mich bei Ihm ausweinen. Ausruhen. Er streicht heilendes Öl über mein schmerzendes Herz. Die Narbe bleibt. Ein Lebenlang. Aber sie wird weicher, schmerzt nicht mehr jeden Tag. Bis sie nur noch eine leise Erinnerung ist. Genau wie bei Suzi Penelope hat Jesus einen nur für mich maßgeschneiderten Kalender angefertigt. Er überblickt jeden Tag meines Lebens, ist in Kontrolle, hat Gedanken des Friedens über mich. Er steht mir zur Seite, sieht das ganze Bild meines Lebens, nicht nur den heutigen Tag. Er hat versprochen, bis an das Ende aller Tage und in aller Ewigkeit bei mir zu sein. Vieles in meinem Gestern und Heute vermag ich nicht zu verstehen. Vieles ist selbstverschuldet. Manche Schmerzen fremdverschuldet. Aber ich kann mich entscheiden, zu vertrauen dass er mich unendlich liebt und mich nicht vergessen hat, dass ich auch durch Schwierigkeiten wachsen kann. Und vor allem, dass er dafür Sorge tragen wird, dass ich sicher zu Ihm nach Hause komme. Susi penelope, das bin ich, das bist du. Und wir alle haben einen Käscher in der Besenkammer, mit dessen Hilfe wir versuchen, vergangene Tagen zurückzuholen. Manche von uns brauchen den Käscher nicht so oft, da reicht eine Bambus Ausfertigung. Manche von uns verbringen so viel Zeit mit dem Hinterherrennen, dass sie sich eine Spezialanfertigung aus Gold und Seide haben machen lassen. Das Hinterherrennen der Vergangenheit ist nicht nur zeitraubend, sondern auch noch teuer. In diesem Sinne .... will ich meinen Käscher wegwerfen, er ist zu nichts Nutze. Ich will jeden Tag nehmen, wie er ist. Ich habe dieses Heute nur einmal, einen Tag lang. Dann ist Heute vorbei. Und ich weiss nicht, was Morgen bringt. Ich kann aber vertrauen, dass das Morgen gut werden wird, da es aus Gottes Hand kommt.

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